02. Oktober 2019

Religionsunterricht soll „konfessionssensibler“ werden


Martin Vahrenhorst ist seit vier Jahren Schulreferent der Kirchenkreise Saar-Ost und Saar-West. Eine zentrale Aufgabe des Schulreferats in Heusweiler ist die Aus- und Weiterbildung der evangelischen Religionslehrer im Saarland.

Pfarrer Martin Vahrenhorst benutzt gern kleine Holzfiguren im Sand, um Wüstengeschichten zu erzählen und so eine Brücke zwischen biblischer Geschichte und eigenem Leben zu bauen. „Dieses Medium öffnet ganz viel bei den Teilnehmern“, hat der Schulreferent für die evangelischen Kirchenkreise Saar-Ost und Saar-West festgestellt. So habe eine Frau bei einer Schulung auf die Frage, ob sie in der Geschichte wohl vorkomme, ihre Lebensgeschichte erzählt. Sie habe auch mal umziehen müssen wie Maria von Nazareth nach Bethlehem.

 Im Saarland gibt es 371  evangelische Religionslehrer. Sie unterrichteten 10.293 Schülerinnen und Schüler, jeweils 90 Minuten die Woche in Religion. Vor vier Jahren war Vahrenhorst auf die Stelle gewechselt. Zuvor lebte er neun Jahre lang in Jerusalem. Dort leitete er das Studienprogramm für Theologiestudenten aus den Deutschland, Österreich und der Schweiz, die an der Hebräischen Universität studieren.

Für die Schule brachte er auch schon aus seiner früheren Tätigkeit Erfahrung mit. Nach seinem Studium in Wuppertal, Jerusalem, Göttingen und Bochum war Vahrenhorst Schulpfarrer an einem Gymnasium in Krefeld. Und auch das Saarland war dem gebürtigen Weseler vertraut, wo er zwei Jahre als wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Uni Saarbrücken gearbeitet hatte.

Konfessionelle Kooperation

Sein größtes Projekt ist jetzt die „konfessionelle Kooperation“, wie es sie bereits in Nordrhein-Westfalen gibt. Dabei werden evangelische und katholische Kinder gemeinsam in der Klasse im Wechsel von zwei Jahren jeweils von einem Lehrer der beiden Konfessionen unterrichtet.

 Erfahrungen aus Niedersachsen und Baden-Württemberg hätten gezeigt, dass die Schüler deutlich mehr über ihre eigene Religion wissen, wenn sie „konfessionell kooperativ“ unterrichtet wurden statt getrennt – weil Fragen wie: „Was heißt es katholisch zu sein? Was heißt es evangelisch zu sein?“ viel präsenter seien.

 Das ganze habe auch einen praktisch Grund. Denn an einigen Schulen fänden sich nicht genug Schüler einer Konfession – Mindestanzahl fünf, um getrennten Religionsunterricht anzubieten. Für die evangelische Kirche gelte das vor allem im Nordsaarland, wo die allermeisten Menschen katholisch sind.

 Vahrenhorst rechnet damit, dass das Kooperationsmodell im Saarland in etwa zwei  Jahren eingeführt werden kann. „Fünf Bistümer und drei Landeskirchen in Rheinland-Pfalz und im Saarland müssen sich einigen und das dauert halt“, erläutert Vahrenhorst.

 Den Unterricht „konfessionssensibel zu gestalten“ sei eine enorme Herausforderung, die die Lehrinnen und Lehrer bewältigen müssten. Allerdings gebe es zwischen den beiden Glaubensrichtungen wenig wirklich strittige Themen. So unterschieden sich die Sichtweisen bei der Sexualethik, die in der 9. oder  10. Klasse behandelt werde. Oder beim Thema „Martin Luther“, das in der 3. Grundschulklasse auf dem Lehrplan steht. Vahrenhorst: „Da, könne ein Lehrer nicht sagen: Martin Luther ist der tolle Held, sondern es müsse auch die Frage diskutiert werden: „Warum sind nicht alle Martin Luther gefolgt? Warum kann man das auch anders sehen? Katholiken können sagen: Der Papst ist trotzdem wichtig, weil er für die Einheit der Kirche steht.“ 

 „Interreligiöses Lernen“

Als nächsten Schritt sieht Vahrenhorst das „Interreligiöse Lernen“, bei dem alle Konfessionen, vom Christen bis zum Muslim und Atheisten zusammen unterrichtet werden. In Hamburg und Bremen werde schon lange „Religion für alle“ unterrichtet. Aber die Stadtstaaten hätten auch Sonderregelungen im Grundgesetzt. Für alle anderen Länder gilt: Nach Grundgesetz Artikel 7, Absatz 3, muss der Religionsunterricht konfessionell erteilt werden. Und außerdem warnt Vahrenhorst vor der Gefahr, dass dann nicht mehr Unterricht in Religion, sondern Unterricht über Religion stattfinde.

 

Zu den Hauptaufgaben des Schulreferenten zählt auch die „Sicherung des Religionsuntericht“. Dabei will sich die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) aber nicht nur auf das im Grundgesetz verbriefte Recht berufen. Die EKD habe sich auf die Formel geeinigt, dass Schüler durch den Religionsunterricht dazu befähigt werden sollen, sich bewusst für oder gegen Religion und Kirche zu entscheiden. „Religionsunterricht führt nicht in die Kirche, sondern zur Fähigkeit die grundgesetzlich verbriefte Religionsfreiheit auch wahrnehmen zu können – positiv oder negativ“, formuliert Vahrenhorst.

 

Die Behauptung, viele Kinder oder ihre Eltern würden sie vom Religionsunterricht abmelden, kann er für das Saarland nicht bestätigen. Im Gegenteil: Laut Statistik gab es im vergangenen Schuljahr 4138 evangelische Grundschüler, aber 4432 nahmen am evangelischen Religionsunterricht teil. Seiner Erfahrung nach hätten sich vor allem muslimische Eltern dafür entschieden, damit ihre Kinder auch die andere Konfession kennenlernen.

Im alten Pfarrhaus von Heusweiler 

Das Schulreferat ist in einem historischen Gebäude untergebracht, dem alten evangelischen Pfarrhaus von Heusweiler, das zwischen 1773 und 1775 von dem Architekten der Ludwigskirche, Friedrich Joachim Stengel gebaut wurde. Eigentlich habe die Gemeinde das Gebäude lange vor seiner Zeit abreißen wollen, was aber wegen des Denkmalschutzes nicht gegangen sei.

 

Andere führende Einrichtungen der Kirche, hätten es abgelehnt, in das etwas abgelegen Heusweiler zu ziehen, nur das Schulreferat sei übriggeblieben. Jetzt residiert einzig Vahrenhorst mit Mitarbeiterin Ute Decker in dem Gebäude. Das Obergeschoss steht gänzlich leer. Angesichts der Sparanstrengungen der Landeskirche hat Vahrenhorst da auch schon eine Idee: Warum sollte dort nicht eine andere Bildungseinrichtung einziehen?

 von Jörg Fischer

 





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